Bianca Artopé

Auf den zweiten Blick
Zu den Arbeiten von Bianca Artopé

Wahre Schönheit und schöner Schein, Idylle und Chaos können manchmal sehr nah zusammenliegen. In den komplexen, aus verschiedenen Materialien zusammengesetzten Bildwelten von Bianca Artopé verdichten sich geheimnisvolle, atmosphärische Szenerien in einer (alp)traumhaften Anmutung. Im steten Bezug zu Mensch und Natur überlagern sich Zeit und Raum, Alt und Neu sowohl formal als auch inhaltlich.

Die zu Beginn ihrer künstlerischen Tätigkeit stehenden Bildtransfers auf Kupferlochplatten ergänzt die Künstlerin bald durch Acryl und Pigmente und gießt die Oberfläche in Epoxidharz ein. Unter dieser speziellen Versiegelung, die den Werken eine enorme spiegelnde Tiefe verleiht, entfalten sich die verschiedenen Ebenen zu surreal anmutenden Geschichten, die je nach Bildgedächtnis und Erinnerung des Betrachters auf viele Arten lesbar sind. Während die früheren Arbeiten noch analog zusammengesetzt wurden, collagiert sie die neueren Motive nicht weniger aufwendig digital.

Seit 2016 entsteht die Serie “hanging hopes from chandeliers”, in der die Künstlerin zwei komplett unterschiedliche Welten dicht miteinander verwebt: in den Medien omnipräsente Bilder von Flüchtlingen überlagern sich hier mit der Hightech-Architektur der westlichen Wohlstandsgesellschaft. Die Überlagerung und Durchdringung der einzelnen Bildschichten wird in diesen Werken noch intensiver. Eindringlich verbindet Bianca Artopé die Diskrepanz von Elend, Angst und fliehenden Menschenmassen mit der heilen perfekten Welt von Luxusressorts, Reichtum und oberflächlicher Perfektion. Sowohl die Flüchtenden mit Hoffnung auf ein besseres Leben als auch die aalglatten Luxusbauten sind gesichtslos und anonym. Zumindest auf dem Bildträger verbinden sich die zwei völlig verschiedenen Welten zu einer Einheit.

Eine wichtige Inspirationsquelle für die neuen Arbeiten ist der schier grenzenlose Fundus historischer Gemälde und Fotografien aus den Archiven internationaler Museen. Diese fügt Bianca Artopé auf zahlreichen Ebenen mit eigenen Fotografien, Strukturen und malerischen Elementen am Computer zu einer Collage zusammen. Zu Beginn der Umsetzung steht dann ein sehr haptischer und händischer Prozess. Durch mehrmaliges Spachteln der Leinwand mit Gesso entsteht eine Grundstruktur, auf der großflächig Blattmetall aufgebracht wird. Im Anschluss wird das Motiv im Giclée-Verfahren auf die metallene Oberfläche gedruckt und mehrere Millimeter tief mit glänzendem Epoxidharz eingegossen. Ihre besondere Tiefe entfalten die Bilder spürbar durch das Miteinbeziehen des Betrachters: Man kann gar nicht anders, als sich vor ihnen zu bewegen und dadurch ihre Vielschichtigkeit unmittelbar zu erfahren. In ihrer atmosphärischen Wirkung scheinen sie von innen heraus zu leuchten.
Der Menschen als Erschaffer und Zerstörer steht thematisch im Mittelpunkt der Arbeiten. Auch bei Motiven, in denen er nicht explizit auftaucht, sind doch immer die Auswirkungen seines Handelns zu spüren. So werden die Naturdarstellungen von Landschaften, Wasser und Bäumen von architektonischen Elementen wie Brücken, Staudämmen und Tunnel durchdrungen, die sinnbildlich für die Willenskraft des Menschen stehen, der oft gegen jede Vernunft seine Entscheidungsmacht missbraucht. Bianca Artopé spielt mit den Farben und verändert sie ebenso wie die Größenverhältnisse der einzelnen Bildelemente. Die Bildkompositionen sind ausgewogen und offenbaren erst auf den zweiten Blick ihre Symbiose von Alt und Neu und ihre thematischen Gegensätzen. Die Überblendungen sind weich, fast malerisch und lassen dadurch die einzelnen Schichten noch mehr miteinander verschmelzen.

Hat man in den Arbeiten von Bianca Artopé die erste Ebene der rein ästhetischen Wahrnehmung erst einmal durchschaut, gerät man in die tiefgründigen Widersprüche des menschlichen Daseins. In der Diskrepanz zwischen Schein und Wirklichkeit wird der Betrachter angeregt, sich mit seiner eigenen Seitweise auf die Welt zu positionieren.

Anna Wondrak
Kunsthistorikerin und Kuratorin


Letzte Änderung am 17.12.17 um 04:30 Uhr.
 

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